Familiengeschichte zum Mauerfall

Preiselbeertage von Stina Lund

Ina und Jörg stammen aus der ehemaligen DDR. Seit 30 Jahren wohnen sie allerdings schon in der schwedischen Stadt Söderby. Ihre jüngere Tochter Jolante lebt noch in der Nähe, aber deren ältere Schwester Ariane arbeitet beim Rundfunk in Leipzig, der Heimat ihrer Eltern. Dort hat sie engen Kontakt zu ihren Großeltern Benno und Margarethe. Zwischen ihnen und Ina ist offenbar etwas vorgefallen, das ihr Verhältnis zerrüttet hat. Als Jörg stirbt, kommt ein Manuskript zur Sprache, das Ina mit allen Mitteln verleugnet. Ariane ahnt, dass sich dahinter ihre Familiengeschichte verbirgt.

Stina Lund versteckt hinter dem unschuldigen Titel „Preiselbeertage“ eine Familiengeschichte, die eng mit dem Fall der Berliner Mauer verwoben ist. Ina und Jörg sind statt nach einem Chortreffen in die Deutsche Demokratische Republik zurückzukehren in Schweden geblieben. Nach einem Motorradunfall beantragte Jörg über die dortige westdeutsche Botschaft für sie beide Asyl. Ina hatte nicht vor, im Westen zu bleiben, weil sie bereits für ihre Tochter Ariane sorgen musste. Auch für ihre Eltern beginnt eine unangenehme Zeit. Sie verlieren nicht nur ihren Ruf als gefolgsgetreue Genossen, sondern müssen beträchtliche Repressalien hinnehmen. Ihnen wird auferlegt, dass sie Ariane nur bei sich behalten dürfen, wenn sie zu Ina den Kontakt abbrechen. Seinerzeit war die Kontrolle durch die Staatssicherheit so groß, dass sie zustimmten.

Zur gleichen Zeit in Schweden versuchte Ina alles Mögliche, um ihren Eltern mitzuteilen, dass sie niemals an Flucht gedacht hat. Jörg hat nach dem Unfall die Chance ergriffen. Für den Leser mag das ebenfalls verständlich sein, dass sich ein junger Mensch nach Freiheit sehnt. Zwei Jahre vor der Grenzöffnung zum Westen bekam das politische Regime bereits erste Risse. Menschen wie Jörg gaben alles auf, um über ausländische Botschaften die Freiheit zu erlangen. Der Motorradunfall muss ihm wie ein Geschenk vorgekommen sein. Um auch Ina diese Ungebundenheit zu ermöglichen, hat er für sie die Ausbürgerung gleich mit beantragt. Im Verlauf der Geschichte wird deutlich, dass Ina unter der Trennung von ihrer Familie litt. Der Weg zurück war nicht mehr möglich. Die Konsequenzen waren für keinen vorhersehbar. Zudem lebte die Familie auf beiden Seiten mit falschen Informationen weiter, die sie über die Jahre hinweg entzweiten.

Dieser Zwiespalt wird erst zum Ende des Buches deutlich. Ariane hakt immer wieder nach und legt die Puzzleteilchen richtig zusammen. Sie erkennt die Tragik ihrer eigenen Familiengeschichte aus unerfüllten Wünschen, falschen Hoffnungen und immer wieder Vorwürfen und Verletzungen. Die dunklen Wolken werfen allerdings keine Schatten auf die Handlung. Der Roman ist eine schonungslose Darstellung, wie sich das Leben für die DDR-Bürger gestaltete. Es beleuchtet einen Teil der Landesgeschichte, die einige Menschen lieber im Dunkeln gewusst hätten. Dabei wechselt der Blick von der Distanz des heutigen Schwedens zum hautnahen Dabeisein im Leipzig der 80er Jahre.

Ich kann das Buch jeden Geschichtsinteressierten empfehlen. Zeitzeugen werden viel wiedererkennen, andere bekommen eine Ahnung, wie sich Familien gefühlt haben. Der Schreibstil ist leicht zu lesen und weckt Emotionen. Auch spröde Charaktere gewinnen hier Sympathien. Ich war meinem Opa allerdings bei jedem Kapitel dankbarer, dass er vor 1961 in den britischen Sektor wechselte.

Leseprobe


Stina Lund wurde 1970 als Tochter einer deutschen Mutter und eines schwedischen Vaters in Vimmerby geboren. Sie wuchs in der Kleinstadt in Småland auf und verbrachte einen Großteil ihrer Kindheit in der Buchhandlung der Eltern. Nach dem Abitur absolvierte sie eine Buchbinderlehre und studierte anschließend Buchwissenschaften. Danach arbeitete sie als freiberufliche Restauratorin. Nach der Geburt ihrer Zwillinge gab sie diese Tätigkeit auf und widmete sich dem Schreiben. Heute lebt Stina Lund mit Mann, Kindern und Hund in der Nähe von Münster. (Quelle: Rowohlt-Verlag)


  • Broschiert: 336 Seiten
  • Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag
  • erschienen am 22. September 2017
  • ISBN-13: 978-3499291449

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