Alternativen – ein Interview

Im Rahmen des von der Agentur mainwunder organisierten Crimeday hat uns Leif Tewes Fragen beantwortet, die sich uns nach der Lektüre seines dritten Thrillers förmlich aufdrängten. Es geht dabei um Politik, wie ein Thriller entsteht und einen Pistolenlauf.

Leif Tewes, Jahrgang 1964, lebt und arbeitet in Frankfurt. Während des Studiums hat er Fachbücher geschrieben und einige Artikel in Fachzeitschriften veröffentlicht.
Seine Leidenschaft für die Kunst lebt er als Musiker, DJ und Thriller-Autor, sein Interesse für spannende Persönlichkeiten und rasante Geschichten hat sich unter anderem auf zahlreichen Reisen und Offroad-Rallyes entwickelt. (Quelle: Homepage des Autors)

Gemeinsam mit Martina von https://leserattenhöhle.blogspot.de haben wir uns die Fragen zu diesem Interview überlegt und spannende Antworten bekommen.


Lieber Leif Tewes, vielen Dank, dass du dir hier die Zeit nimmst, um unsere Fragen zu beantworten. Seit „Tag Null“ gab es davon natürlich einige.

Über dich kann man lesen, dass du neben einem Brotjob Thriller schreibst, als Musiker auf der Bühne stehst und auch als DJ tätig bist. Wie passt alles zeitlich zusammen?

Zum einen mache ich das nicht alles gleichzeitig, zum anderen in der Freizeit. Wenn man so schaut, womit man seine Zeit verbringt, stellt man durchaus fest, dass da viel Zeit für produktive und kreative Aktivitäten ist.

Deine Bücher haben ernste politische Themen als Grundthema. Was war zuerst da: Die Idee, Thriller zu schreiben oder die politischen Themen zu behandeln?

Zuerst das Thema. Immer das Thema. Wer eigene Welt erschafft, kann nicht so zufrieden mit der realen Welt sein. Schreiben heißt Auflehnung, Protest, Unzufriedenheit mit der erlebten Realität. In diesen erfundenen Welten kann ich Figuren schaffen, die besser agieren als in Realität, aber auch Schlechtes überspitzen, überzeichnen. Und bei mir ist eben „Thriller“, (oder „Noir“, wie es auf dem Buchcover steht), die Hülle, der Rahmen, das Format. Aber das Thema ist der Inhalt.

Die rechtspopulistischen Parteien bekommen immer mehr Zulauf. War „Alternativen“ mit den Themen Rechte Parteien und Flüchtlingen ein persönliches Bedürfnis, die eigene Meinung mitzuteilen?

Ich denke, kein Schriftsteller kann über etwas schreiben, was ihn nicht persönlich berührt. Und diese Berührung ist in der Regel eine unangenehme. Der Schriftsteller braucht Energie zum Schreiben, und Wut und Ärger über bestimmte Verhältnisse ist eine zuverlässigere und dauerhaftere Energiequelle als Freude und Tanz. Wobei ich schon darauf aufpasse, nicht meine Meinung zu sagen, sondern Figuren zu zeichnen, die Meinungen haben.

Marion wird in dem Roman als „Gutmensch“ tituliert. Als Gegenpart steht die Partei der besseren Deutschen. Wo siehst Du Dich selbst?

Ich weiß zwar genau, wo ich stehe, aber die Idee von dem Buch ist, den Leser zu fragen, wo er steht. Dabei mache ich es ihm nicht leicht, selbst Marion bekommt ihr Fett weg. Die Welt ist nicht schwarz-weiß, sondern grau (ja, ich weiß, das ist aus „Blutzucker“), und ich glaube, man muss sich selbst oft genug fragen, wieviel grau man verträgt.

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Wie viel Recherche machst du vor Ort? Wenn man in Frankfurt wohnt, ist der Hauptbahnhof nicht so weit weg. Aber für andere Städte muss man sich schon Zeit nehmen.

Klar. Recherche ist eine der Arbeiten an einem Buch, die auch Spaß machen, oder eine schöne Ablenkung ist, wenn der Geist grad mal nichts Relevantes von sich geben will. Und wenn man keinen Regionalkrimi schreibt sondern verschiedene Schauplätze verwendet, wollen diese auch erforscht werden. Wobei es hilft, schon ein bisschen rumgekommen zu sein und Erinnerungen wiederverwenden zu können.

Von der ersten Idee zum gedruckten Buch: Wie lange lebst du schon mit „Alternativen“?

Das waren ungefähr 1.5 Jahre. Ich bin aber schneller geworden, „Blutzucker“ hat rund 2 Jahre gedauert.

Wenn man Parteimitglied der AfD ist, aber von der Gesinnung nicht dahintersteht, muss es doch eine enorme Anstrengung sein, dieses vorzutäuschen. Welches waren die schwersten Aufgaben gegenüber den Parteimitgliedern und auf der anderen Seite der Familie bzw. engen Freunden?

Auf diesen Parteiversammlungen habe ich meist geschwiegen, denn mir war klar: Mische ich mich wirklich engagiert in die Diskussion, kann es nicht lange dauern, bis ich „auffliege“. Mein Interesse galt aber sowieso nicht der politischen Diskussion oder Aufklärung, sondern rein der passiven Aufnahme von Stimmungen. Einfach mal „Mäuschen“ spielen, wie man so sagt. Mein persönliches soziales Umfeld hat es mit Interesse aufgenommen, wenngleich nicht immer begeistert sondern auch mal sorgenvoll.

Hast du bei den Themen keine Angst vor Reaktionen, bzw. gab es schon Drohungen gegen deine Person?

Angst wäre übertrieben. Vielleicht leichte Befürchtungen, eingetreten ist aber noch nichts dergleichen. Aber zum einen denke ich, dass die echt humorlosen Parteimitglieder oder –Wähler sich nicht die Mühe machen werden, mir in den Vorgarten zu pinkeln, und zum anderen haben die im Moment anderes zu tun: Den ganzen Tag bei Facebook Quatsch zu posten oder Plakate zu kleben, das beschäftigt.

Wie steht dein Umfeld zu den Büchern?

Sehr positiv. Viele mögen meine Schreibe, viele finden mein Engagement sehr gut (und fragen sich vielleicht, wo sie sich denn gesellschaftspolitisch engagieren).

Haben deine Figuren ein Vorbild aus dem realen Leben, oder nur Teile von ihnen?

Keine Fiktion ohne eine Wurzel des selbst erlebten. Das ist ja Teil der Arbeit: Aus scheinbar belanglosen realen Situationen oder Eigenschaften einer realen Person die Fiktion aufbauen. Ich sehe manchmal die Wirklichkeit wie mit einer Lupe und versuche in den Büchern eine andere mögliche Entwicklung als die tatsächliche darzustellen. Ich muss mich dann aber auch von dieser Wurzel entfernen, muss sie verdünnen oder verdichten, mit anderen Zutaten gießen, damit ich eine Fiktion erschaffen kann.

Das Ermittlerteam hat einiges an psychischer Brutalität auszuhalten. Wie konntest du dich in die Figuren einfühlen?

Sowohl psychisch wie physisch habe ich halt schon einiges erlebt, aber ich bin (noch) nicht angeschossen worden (gleichwohl ich schon einige Male in den Lauf einer Waffe blicken musste). Außerdem war ich in Regionen der Welt (z.B. Afghanistan), wo Gewalt, körperlicher wie psychischer Natur, und ihre Auswirkungen sehr deutlich zu sehen sind. Das vergisst man nicht.

Und natürlich zum Abschluss die obligatorische Frage: Wann bekommen wir Nachschub?

Das weiß ich leider noch nicht. Ich suche nicht die Themen, diese kommen zu mir. Allerdings muss man empfänglich sein, seine Rezeptoren aktiviert haben, um ein Thema zu finden. Das funktioniert aber nicht immer. Gerade bin ich im Stress mit den aktuellen Büchern (Lesungen, Interviews, Presse), da bleibt keine geistige Ruhe um neue Themen zu empfangen. „stay tuned“ möchte ich meinen Lesern sagen. Der Tag wird kommen, an dem ich glaube, wieder etwas Relevantes zu Papier bringen zu müssen.

Vielen Dank für die ausführlichen Antworten.


Die Rezension zum Thriller lest ihr hier.

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