Was passierte am 14. Februar 1960?

Zeit der Schwalben von Nicola Scott

Adele, von allen nur Addie genannt, trauert seit einem Jahr um ihre Mutter Elizabeth. Der Verlust macht ihr zu schaffen. Es scheint ihr, dass sie gegen ihre allzu perfekte jüngere Schwester Venetia nicht bestehen kann. Ebenso scheint ihr bereits verstorbener Bruder keine Fehler gehabt zu haben. Für Addie ist es eine schwierige Position in ihrer Familie. Gerade hatte ihr Vater einen Herzanfall und muss sich schonen. Jede Aufregung könnte die letzte sein. Ausgerechnet an diesem Tag steht eine fremde Frau vor der Tür und behauptet, Teil von Addies Familie zu sein. Sie bringt damit ein über 40 Jahre streng gehütetes Geheimnis ans Licht.

Nikola Scott beschreibt in ihrem Debütroman eine aus heutiger Sicht ungewöhnliche Familiengeschichte. Die Zeitebenen handeln Ende der 50er Jahre und in der Gegenwart. Protagonistin ist die 40jährige Adele, die sich immer als Teil einer intakten Familie gesehen hat. Überraschend wird sie mit der Aussage von Phoebe konfrontiert, die bereits mehr über ihr Leben herausgefunden hat. Adele ist geneigt, der Fremden nicht zu glauben, erinnert sich dann jedoch an ein Telefonat, das ebenfalls „weitere Spuren“ zum Thema hatte. Zögerlich lässt sie sich auf das Gespräch ein und erfährt ihre unglaubliche Familienkonstruktion.

Die Autorin bindet in diese Familiengeschichte die seinerzeit vorherrschende gesellschaftliche Meinung ein. Elizabeth steht so für alle Frauen, die auf diese Weise in Not gerieten und hinterher keinerlei psychologische Betreuung erfuhren. Es wird eine Lebensform beschrieben, die sich im Laufe der Zeit geändert hat, diese Frauen aber immer noch beeinflusst. Ihre Sorgen und Nöte werden eindringlich aufgezeichnet, ohne zu werten. Die Charaktere werden so lebendig ausgearbeitet, dass man meint, sie zu kennen. Die Nebenfiguren sind deutlich am Rand zu erkennen, übernehmen jedoch niemals die Führung. Stets sind deren Handlungen nachvollziehbar und glaubhaft dargelegt.

„Zeit der Schwalben“ hat im Original den Titel „My Mother’s Shadow“, der den Inhalt meiner Meinung nach treffender wiedergibt. Die Autorin hat eine bemerkenswerte Gabe, gefühlvoll auf die sich ändernde Situation einzugehen, ohne dabei die Geschichte zu überfrachten. Gleichzeitig sind die Handlungsstränge spannend genug, um das Buch nicht mehr aus der Hand legen zu wollen. Als Leser verfolgt man beide Seiten mit einer gewissen Neugier und Spannung. Man freut sich über die kleinen Erfolge und baut mit jedem Kapitel mehr Empathie für die Beteiligten auf. Alles in allem hat mich dieser emotionale Roman begeistert und bekommt eine klare Leseempfehlung.

Leseprobe


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Nikola Scott ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, bevor sie jahrelang in den USA und in Großbritannien in verschiedenen Verlagen arbeitete. Sie lebt inzwischen mit ihrer Familie in Frankfurt am Main. „Zeit der Schwalben“ ist ihr erster Roman.

(Quelle: Rowohlt-Verlag)

 

Gebundene Ausgabe: 512 Seiten
Verlag: Wunderlich
erschienen am 18. August 2017
ISBN-13: 978-3805200370
Originaltitel: My Mother’s Shadow

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