Juliana Blasius erinnert sich

Die Räuberbraut von Astrid Fritz

Carl Zuckmayer schrieb über ihn, Helmut Käutner führte bei der Verfilmung Regie und auch 215 Jahre nach seiner Hinrichtung erinnern Schautafeln und Sonderausstellungen im Hunsrück an den berüchtigten Räuberhauptmann Schinderhannes. Man kann also sagen, Johannes Bückler, wie sein Geburtsname lautet, habe in seinen 24 Lebensjahren einen unsterblichen Mythos erschaffen. Wie war es möglich, dass ein brutaler Räuber und Erpresser schon vor seiner Hinrichtung die Gräueltaten in einem romantischen Licht erscheinen ließ?

Der historische Roman von Astrid Fritz beleuchtet die erfolgreichen Jahre des seinerzeit meistgesuchten Verbrechers Deutschlands. Gerahmt werden diese drei Jahre in einem Rückblick, den Juliana, genannt Julchen, erzählt. Die große Liebe des Räubers hängt noch immer der aufregenden Zeit an der Seite von Hannes nach. Auch 40 Jahre nach dessen Hinrichtung findet sie nur gute Worte über den Vater ihrer ersten beiden Kinder. Als Schankmagd kurbelt sie inzwischen durch ihre Erzählungen den Umsatz in einem Wirtshaus an, als ihr immer wieder ein junges Mädchen auffällt.

Sie lässt die Zeit um 1800 aufleben, berichtet aus ihrer Sicht von einem Mann, der ihr ein guter Ehemann und ihrem Sohn sicher ein guter Vater geworden wäre. Die rund drei Jahre an seiner Seite klingen durchaus verklärt und sind fern jeder realistischen Betrachtung, was den Roman aber umso glaubwürdiger macht. Julchen hatte selbst kein liebevolles Elternhaus, weswegen sie im Alter von 18 Jahren die Chance auf ein neues Leben nutzte. Mit dabei war ihre Schwester Margarethe, die zunächst ein Verhältnis mit dem Schinderhannes hatte, bevor das Julchen seine große Liebe wurde. Aus diesem hautnahen Blickwinkel wird auch der Leser des Öfteren von Ereignissen überrascht, die die Gendarmerie vermutlich lange vorher geplant hatte.

Die Autorin hält sich an die heutzutage belegten Ereignisse. Sie rekonstruiert anhand der Gerichtsakten, wie sich die Erfolgsjahre der Räuber wohl abgespielt haben und schafft mit Dialogen eine glaubhafte Handlung. Einen großen Teil nimmt dabei auch der Prozess ein, in dem immer wieder die Hoffnung auf Begnadigung aufflackert. Die Charaktere sind exakt ausgearbeitet und folgen ihren jeweiligen Überzeugungen. Berücksichtigt wird dabei ebenfalls die damalige Besetzung des Hunsrücks durch die Franzosen und den unterschwelligen Groll der Bevölkerung. In Julchens Augen war der große Blonde ein strahlender Held, bis sie an ein paar Überfälle erinnert wird, die sie ins Grübeln bringen.

Der Roman spiegelt eine aufregende Zeit wider, in der sich ein paar Leute einfach nahmen, was sie wollten. Er schließt Lücken, die in anderen Aufzeichnungen nicht erwähnt werden und rundet somit die auf Tatsachen beruhende Handlung optimal ab. Trotz der einseitigen Betrachtung gelingt es dem Leser aber hinterher dennoch, sich eine eigene Meinung über Gerechtigkeit und Willkür zu bilden. Ich habe den Roman sehr gerne gelesen und empfehle ihn deshalb weiter.

Leseprobe

Gebundene Ausgabe: 388 Seiten
Verlag: Wunderlich
erschienen am 21. Juli 2017
ISBN-13: 978-3805202930


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Astrid Fritz
studierte Germanistik und Romanistik in München, Avignon und Freiburg. Als Fachredakteurin arbeitete sie anschließend in Darmstadt und Freiburg und verbrachte mit ihrer Familie drei Jahre in Santiago de Chile. Zu ihren großen Erfolgen zählen „Die Hexe von Freiburg“, „Die Tochter der Hexe“ und „Die Vagabundin“. Astrid Fritz lebt in der Nähe von Stuttgart. (Quelle: Rowohlt-Verlag)

 

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