Astrid Fritz im Gespräch – ein Interview

Anlässlich der Blogtour zu Die Räuber-Braut (ET 21. Juli beim Rowohlt-Verlag) durfte ich Astrid Fritz einige Fragen stellen.

Fritz_Astrid_(C) Wioletta Neiss

(C) Wioletta Neiss

Das Buch stellt den Räuberhauptmann aus Sicht seiner Frau Julchen vor. Er beschreibt die letzten drei Jahre vor seinem Tod, die gleichzeitig die „erfolgreichsten“ im kurzen Räuberdasein waren. Bei all den Informationen bleiben natürlich auch Fragen offen, die nur die Autorin beantworten kann. Ich hoffe, ich habe die richtigen gestellt und euch nicht nur den Schinderhannes näher gebracht, sondern auch Astrid Fritz von ihrer privaten Seite während der Arbeit gezeigt.

Liebe Astrid, deine historischen Romane katapultieren die Leser immer wieder in vergangene Zeiten. Beschreibungen und Sprache passen bei der Räuberbraut perfekt zueinander. Wie versetzt du dich beim Schreiben in die Zeit des beginnenden 19. Jahrhunderts?
Bei meiner Recherchereise durch den Hunsrück fiel mir das Zurückversetzen gar nicht schwer, so verwunschen sind dort noch viele Waldwege, Täler und Burgruinen… Aber natürlich reicht das nicht: Neben meinen Recherchearbeiten zur Schinderhannesbande (viele Zeitzeugnisse!) und zur Alltags- und Landesgeschichte jener Zeit habe ich mich immer wieder in alte, zeitgenössische Bilder versenkt. Und in meinem Bücherregal steht ein riesiger Bildband „Romantische Reise durch das alte Deutschland“ mit Gemälden zu Städten und Landschaften aus jener Zeit. Das allein regt schon mächtig die Fantasie an.

Welcher Charakter hat dich in diesem Buch am meisten beeindruckt?
Zum einen natürlich die Juliana als Hauptfigur, aber auch die später auftauchende Nebenfigur Margaretha Reinhard, Frau des Schwarzen Jonas – sie hat eine ganz andere Art mit dem „Räuberleben“ umzugehen als Juliana und kommt auf ihre selbstbewusste Weise damit auch erstaunlich gut klar.

Hast du bei der Recherche Anekdoten entdeckt, die du dann aber im Buch nicht verwendet hast?
O ja, so einiges. Das Quellenmaterial zur Schinderhannesbande ist ja sehr umfangreich, und ich musste tatsächlich so einige Episoden, die ich gerne verwendet hätte, streichen, sonst wäre das Buch zu langatmig geworden. Zum Glück gibt es über Juliana selbst viel weniger Quellen, und so brauchte ich, was sie betrifft, auf nichts verzichten.

Julchen und Margret waren anfangs Konkurrentinnen um die Liebe zum Schinderhannes. Wie trennt man wahre Geschichte und romantische Dichtung in dieser Konstellation?
Karl_Matthias_Ernst,_Julchen_des_Schinderhannes1aDa musste ich gar nicht so viel erfinden. Historisch war ja der Schinderhannes tatsächlich zuerst mit Julchens Schwester zusammen, hat sich aber sehr bald Julchen zugewandt. Ich selbst bzw. meine Fantasie musste nur noch für die schlüssigen Motivationen sorgen, und so habe ich der Margret eben ein eher flatterhaftes Wesen zugeschrieben, infolgedessen sie sich rasch mit dem Räuberkumpan Dallheimer getröstet hat. Und was den Schinderhannes betrifft: Er hat bei mir eben von Anfang an ein Auge auf Julchen geworfen. Dass ihre Liebe bis zum Schluss währte, ist übrigens historisch.

Die Taten von Johannes Bückler werden teilweise beschönigt und trotzdem liest man auch immer wieder von seiner Brutalität. Wie bildet man sich eine Meinung zur Person, die am ehesten der Realität entspricht?
Das war eigentlich ganz einfach: In der neueren Schinderhannesforschung wird er durchweg kritisch gesehen, wenn auch als charismatischer und intelligenter junger Mann. Für mich war schnell klar, wie ich ihn anlege: nämlich als zwiespältige Person, die dunkle und helle Seiten in sich vereint. Ich hoffe mal, dass ich damit dem historischen Vorbild recht nahe gekommen bin.

Ein Räuber ist laut unserem Gesetzbuch, wer jemand anderen mit Gewalt oder Androhung selbiger einem anderen eine bewegliche Sache wegnimmt. Der Schinderhannes hat noch heute den Ruf, ein moderner Robin Hood zu sein, der den Reichen nahm, um es den Armen zu geben. Ist dieses Verbrechen akzeptabler, als wenn es nur zur eigenen Bereicherung verübt wird?
Akzeptabler im juristischen Sinne denke ich nicht, wenn es dabei um Brutalität und Rücksichtslosigkeit geht. Im volkstümlichen Sinne bestimmt: Bückler konnte sich zumindest in den Anfangsjahren des Beifalls der ärmeren Bevölkerung sicher sein: Alles was gegen die verhassten Franzosen, die Reichen und (leider) auch gegen die Juden ging, wurde beklatscht. Nur hat er leider diesen Armen von seiner Beute gar nichts zukommen lassen, von kleinen Geldgeschenken oder „Freibier“ im Wirtshaus mal abgesehen. Bei ihm geschah wohl vieles aus der Laune heraus. Aber in erster Linie wollte er selbst (zusammen mit Julchen) von seinen Überfällen profitieren.

Wie schwer hat sich wohl der Richter Wernher seine Urteilsfindung gemacht? Immerhin hat er nicht die ganze Bande zum Tode verurteilt, sodass er sich vor Racheakten fürchten musste.
images-6Dem historischen Untersuchungsrichter Wernher hatte ja dieser spektakuläre Prozess später zu einem wahren Karrieresprung verholfen. Insofern hab ich mir Wernher als einen ehrgeizigen „scharfen Hund“ vorgestellt, dem es darum ging möglichst viele der Bande zum Tode oder zumindest zu schwerer Kettenstrafe zu verurteilen. Wäre da nicht noch der eher ausgleichende, liberal gesinnte Rebmann gewesen – es hätte bestimmt noch mehr Todesurteile gegeben. Ob sich einer wie Wernher vor Racheakten fürchtete – ich weiß es nicht. Aber tatsächlich wurde das klassische Räuberbandenwesen nach diesem Prozess allmählich zerschlagen, auch durch die Zeitumstände: Organisierte Kriminalität verlagerte sich bald vom Land in die wachsenden Städte.

Oft hört man, dass Figuren ein Eigenleben entwickeln. Was tust du, wenn die historisch belegte Figur beim Schreiben aus der Reihe tanzt?
Das kann tatsächlich passieren, auch wenn bei mir die Hauptfiguren eigentlich schon vor dem Schreiben in den wichtigsten Zügen angelegt sind. Zum Glück sind meine Protagonisten, die historisch belegt sind, in den Quellen psychologisch nur selten klar umrissen, und so gestehe ich ihnen, wenn’s denn passt, auch mal Eigenheiten zu (gerne skurrile oder überraschende), die sich während der Handlung entwickeln. Allerdings nur, wenn es nicht im Widerspruch zu dem historisch Belegten steht. Das Historische hat für mich Vorrang. Aber alles, was hätte möglich sein können, darf auch dichterisch ausfantasiert werden, finde ich.

Als Karin Rössle hast du bereits ein anderes Genre betreten. Wirst du auch weiterhin humorvolle Unterhaltung wie die „Deschperate Housewives“ schreiben?
Bestimmt. Allerdings ist nach der „Räuberbraut“ erst einmal der 4. Band meiner Serafina-Serie im Genre Mittelalterkrimi an der Reihe. Mal sehen: Entweder führe ich die „Deschperate Housewives“ fort, oder ich bringe einen Roman in dieser Art ganz aus Katzenperspektive.

Wo schreibst du am liebsten, wenn die Recherchen abgeschlossen sind?
Am liebsten in meinem Arbeitszimmer, inmitten meiner Bücher, aufgehängter Stadt- und Landkarten und mit Blick ins Grüne. Meine Versuche, mit dem Laptop im Freien zu arbeiten, sind alle fehlgeschlagen: Ich war zu sehr abgelenkt. Ein Häuschen am Meer wäre natürlich das Optimum…

Mit wem (lebend oder bereits verstorben) würdest du gerne mal ein gemeinsames Projekt machen?
Einen historischen Roman schreiben mit dem jungen Friedrich Schiller.

Gibt es ein Thema, an das du dich bisher noch nicht getraut hast?
An meine eigene Familiengeschichte, die vom Zweiten Weltkrieg, Flucht und Heimatlosigkeit geprägt ist.


Der Roman erscheint morgen, genau wie meine Rezension dazu. Ich hoffe, ich konnte euch mit den Fragen neugierig machen und gleichzeitig Astrid Fritz von einer anderen Seite vorstellen. Mir hat sowohl das Lesen wie auch das Erstellen des Interviews großen Spaß gemacht.

Morgen macht die Blogtour bei Goldkindchen halt, die euch ein Video zu einer Live-Lesung präsentiert.

Leseprobe

Gebundene Ausgabe: 388 Seiten
Verlag: Wunderlich
erschienen am 21. Juli 2017
ISBN-13: 978-3805202930

Die vorigen Beiträge der Blogtour findet ihr hier:

14. Juli: Von der Musikkneipe zum Buchprojekt  – rowohlt.de

15. Juli: Mit einem Bein im Gefängnis (I): Frauen im fahrenden Volk – die-rezensentin.blogspot.de

16. Juli: Mit einem Bein im Gefängnis (II): Frauenleben im Räubermilieu zwischen Angst und Emanzipation – dierabenmutti.de

17. Juli: Astrid Fritz’ Reise durch den idyllischen Hunsrück – mit der Kamera auf den Spuren der Schinderhannesbande – klusiliest.blogspot.com

18. Juli: Schinderhannes‘ Schauplätze im Spiegel der Zeit – nichtohnebuch.blogspot.de

19. Juli: Was Astrid Fritz zum Schreiben braucht: ihren PC, viel Ruhe und eine Tüte Haribo – buecherecke8.blogspot.de

 

 

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6 Gedanken zu “Astrid Fritz im Gespräch – ein Interview

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