Die Strandräuberin von Ines Thorn

 

Jördis lebt seit dem Tod ihrer Eltern allein mit ihrer Großmutter Etta auf Sylt. Etta stammt vom weiter entfernten Eisland und hat ihre Tochter Nanna nach deren Heirat mit einem Sylter Walfänger auf die Nordseeinsel begleitet. Bevor die Herbststürme beginnen, stehen die Frauen auf den Dünen und schauen, ob die großen Schmackschiffe wieder nach Hause kommen. Manchmal ist es aber so, dass der Liebste, der Vater oder der Bruder auf See geblieben sind. So muss auch Nanna diesen Verlust hinnehmen. Sie hält das Leben ohne ihren Mann nicht aus und geht ebenfalls ins Wasser. Jördis verliert in kurzer Zeit sowohl Vater als auch Mutter. Die beiden Frauen leben fortan von dem, was sie am Strand finden.

Ines Thorn beschreibt in ihrem historischen Roman das Leben im beginnenden 18. Jahrhundert auf dem Eiland. Die See ist oft rau und dennoch trotzen die Bewohner ihrer Umgebung genug zum Leben ab. Sie zeichnet ein Gesellschaftsporträt vor dem Wandel des Glaubens. Der alter Glaube an die nordischen Götter und das Werfen der Runen sind bei den Christen verpönt. Von daher ist die Freundschaft Jördis zur Pfarrerstochter Inge spannend. Dem Pfarrer ist die Eisländerin ein Dorn im Auge und er ist trotz aller Nächstenliebe intrigant genug, um die Dorfgemeinschaft in ihrem Zusammenhalt um Etta und Jördis zu entzweien. Als Jördis Inge gesteht, dass sie sich den jungen Schmied Arjen zum Mann wünscht, zerbricht die Freundschaft. Inge erpresst Arjen, sie zu heiraten und stellt bald fest, dass man Liebe nicht erzwingen kann.

Die komplexe Geschichte kommt dabei mit wenigen Figuren aus. Jede von ihnen ist mit einzigartigen Merkmalen ausgearbeitet und jeder von ihnen hat sein Päckchen zu tragen. Durch die jeweilige Lebensgeschichte ist der Platz in der Gemeinschaft eingerichtet. Der krumme Tamme ist durch seine Behinderung auf andere angewiesen. Das Kümmern übernimmt die junge Witwe Antje. Beide stehen zu Jördis Glück den Anschuldigungen, sie sei eine Hexe, kritisch gegenüber. Inge fühlt sich schon seit der Kindheit vom Vater ungeliebt und wegen ihres Aussehens minderwertig. Ihre erzwungene Ehe mit Arjen richtet in ihrer Psyche noch mehr Schaden an, was hier unterschwellig immer präsent ist. Allerdings ist das auch der Punkt, an dem die Geschichte vorhersehbar wird.

Der Roman vereinigt Familiengeschichte, Zeitgeschichte und sogar etwas Spannung. Der Schreibstil ist leicht verständlich, aber doch der Epoche angepasst. Die Charaktere sind glaubhaft in ihren Handlungen, wenngleich einige wohl auch nicht aus ihrer Haut können. Sie stoßen aneinander, raufen sich zusammen und finden doch wieder Ecken, die nicht zueinander passen. Alles zusammen ergibt ein Buch, das man bis zur letzten Seite kaum mehr aus der Hand legt. Mich hat es gut unterhalten und bekommt daher eine Leseempfehlung.

Leseprobe: http://www.aufbau-verlag.de/media/Upload/leseproben/9783352008986.pdf

Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: Rütten & Loening
erschienen am 11. April 2017
ISBN-13: 978-3352008986

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