Der Pfau, der Hund und die Gans

Der Pfau von Isabel Bogdan

 

Das Anwesen von Lord und Lady McIntosh kann auf eine traditionsreiche Zeit zurückblicken. Leider nagt auch der Zahn der Zeit schon am Gemäuer, sodass das Ehepaar immer öfter gezwungen ist, Modernisierungen durchzuführen. Diese werden zum großen Teil durch Vermietungen der ehemaligen Cottages finanziert. Die Feriengäste lieben die Abgeschiedenheit mit der verbundenen Ruhe im südlichen Schottland. Das gefällt auch einer Abteilung von Bankangestellten, die sich als Team besser kennenlernen möchten. Die vier Angestellten reisen mit ihrer Chefin und einer Köchin in die Abgeschiedenheit, wo aber ein Pfau aus unerfindlichen Gründen alles Blaue angreift. Plötzlich sind die Fahrzeuge der Gäste verbeult sind und sogar ein blauer Mantel kann gefährlich sein. Der Lord sieht keinen anderen Ausweg und greift zum Jagdgewehr.

Isabel Bogdans Debütroman wird seit seinem Erscheinen im Februar 2016 in vielen Foren besprochen und hat es bereits bis zur Auszeichnung „Spiegel-Bestseller“ gebracht. Die Hamburger Autorin berichtet in sprachlich gesetzter Weise über den Alltag auf dem schottischen Anwesen. Unaufgeregt beschreibt sie die Themen, mit denen sich das adelige Ehepaar beschäftigt, genauso wie sie einen kurzen Einblick in die Gedanken der Haushaltshilfe Aileen gibt, die den Laden am Laufen hält. Nach einem Unfall kann sie nun aber bei der Versorgung der Gäste nicht helfen. Umso mehr beobachtet sie und steht manchmal an richtiger Stelle, um dem Leser wertvolle Hinweise zu geben. Der verschwundene Pfau gibt nämlich Rätsel auf, die andere vertuschen wollen.

Das ungekürzte Hörbuch beinhaltet vier CDs mit etwas mehr als 300 Minuten Laufzeit und wird von Christoph Maria Herbst gesprochen. Der ebenfalls schon mit hohen Auszeichnungen prämierte Schauspieler ist derzeit wohl der erfolgreichste deutsche Hörbuchsprecher. Er findet auch für diese Geschichte den richtigen Tonfall und gibt mit seiner Stimme die britische Distinguiertheit und deren klassische Understatement wieder. Lord und Lady McIntosh sind dem Titel zwar adelig, werden aber in der Vertonung zu freundlichen Vermietern von Ferienbehausungen im Schottischen Hochland. Alles klingt sehr charmant und beeindruckend, auch wenn die Badewanne nicht isoliert und der Fußboden schief ist. Schon die geschriebenen Worte rufen Bilder erfolgreicher Serien über eine Adelsfamilie hervor, das Hörbuch erleichtert dies nochmals.

Im Gegensatz zum gedruckten Buch kommt hier die fehlende direkte Rede mehr zum Tragen. Wenn die Charaktere lediglich in der Vergangenheit des Erzählers etwas wiedergeben, kann ein Sprecher ihnen auch keine Merkmale durch Stimme und Tonfall verleihen. Für den Hörer ist damit das Wiedererkennen schwierig. Herbst schafft es dennoch, die Situationen eindeutig zu akzentuieren, ohne dabei die typische Sprache der Autorin zu verändern. Der trockene Humor und die pragmatischen Lösungen für die durch den fehlenden Pfau aufgetretenen Probleme nehmen eher zu als ab. Die unterschiedlichen Perspektiven der Betroffenen bekommen ihre eigene Färbung, sodass die auditive Zuordnung in der Slapstickkomödie zweifellos gemacht werden kann.

Die Handlung ist nicht frei von den gängigen Klischees, die über die Briten ausgetauscht werden. Aber jede Überzeichnung hat ja auch ihre Wahrheit. Die Abfolge der Situationen ist durchaus plausibel und durch die Beobachterposition des Hörers nur als amüsant zu bezeichnen. Da der Hörer stets mehr weiß als die Figuren, kann er sich auf der gesamten Länge des Hörbuchs entspannt zurücklegen und den abwegigen Gedankengängen der Köchin, der Banker, der Zugehfrau und sogar des Hundes folgen. Der sich gemächlich entwickelnde Spannungsbogen duldet bald keine Pause mehr. Während des Lauschens auf die leicht näselnde Stimme sollte man allenfalls die außergewöhnlich passende Covergestaltung betrachten, die das i-Tüpfelchen beim Ausflug nach Schottland ist.

Hörprobe

Ungekürzte Lesung
Sprecher: Christoph Maria Herbst
Laufzeit: 5 Stunden, 16 Minuten, 4 CDs
Argon-Verlag
ISBN 978-3-8398-1458-1
Buchverlag: Kiepenheuer & Witsch
Erschienen am 18. Februar 2016

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s